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Roman: Der Böse Wolf

Blum
Der Böse Wolf
Oktober 2003

Ein Leises Schluchzen und das Rascheln der schweren Steppdecke.
Ein Plätschern aus dem Aquarium tief in der Nacht.
Dann leise aber schwere Schritte wie von einem riesengroßen Tier.
Elviras Wimmern verstummt. Gebannt horcht sie in die unendliche Stille des kleinen Zimmers hinaus. Um sie herum flutet das Meer der Finsternis. Um sie herum tosen die Vielstimmigen Brecher der Einsamkeit.
»Warum weinst du?« Eine flüsternde, rauchige Stimme bringt ihr kleines Herz zum stillstand. Das Blut pocht in ihren Ohren. Ist es ihr Blut?
Minuten scheinen zu verstreichen. Mit der eiskalten Nasenspitze unter der Decke starrt sie gebannt zur schwärze ihrer Zimmerdecke empor. Nichts.
»Wer bist du?« Dies ist nur ein Haus, nicht ihre glockenhelle Stimme wenn sie von allen vergessen im Turnraum der großen Schule steht und das alte Lied singt das ihre Oma ihr beigebracht hat. ›So die kleinen Füße tragen, gehn sie stehts voran voran …‹ Ihre Oma ist tot.
»Ich bin der Böse Wolf«, kommt die Antwort leise und ohne den Anflug von Gnade.
»Nein bitte«, nur ein Zittern, keine Worte.
Da schleicht der riesenhafte Besucher um das winzig kleine Bett mit dem winzig kleinen Mädchen darin.
»Warum weinst du kleines Mädchen?« kommt da die Frage wieder und diesmal raschelt Papier unter der Schlafstätte. Die Bilder, denkt sie und Tränen sammeln sich in ihren Augenwinkeln. Drei Zwerge gehen eine Straße hinunter und rechts und links biegen sich grob schraffierte Häuschen von ihnen Weg. In einem der Häuser ist ein Mann hinter dem Fenster zu sehen. So wie jetzt hier in ihrem dunklen Zimmer mit den zentnerschweren Steinen der Angst auf ihren dünnen Schultern hat sie ihre Bilder nie gesehen. Niemand hat sie je gesehen. Die Buntstifte reden nur für sie. Opa hat sie ihr geschenkt.
»Weil es weh tut«, sagt da plötzlich ein trotziger Geist in ihrem Kopf und ehe sie die bösen Worte schlucken kann da sind sie frei und wirbeln durch die Finsternis, aufgefangen von Fellumrahmten spitzen Ohren. Dann flüstert sie: »Wirst du mich fressen? So wie die Großmutter?«
»Nein Kind. Dich werde ich nicht fressen wie die Großmutter. Aber du darfst keiner Seele sagen das ich hier herinnen bei dir war denn sonst werde ich dich bitterböse strafen so wahr ich hier stehe.«
Zitternd zieht Elvira die Decke über die Augen. Wieder treten Tränen in ihre Augen. Sie würde keinem etwas sagen.

Hartmut und Barbara wohnen seit 1972 in dem kleinen Haus. Seit diesem Jahr leben sie das Ritual des Alltags. Es ist morgen. Morgen bedeutet nicht bald sondern jetzt und zwar ganz früh. Morgen bedeutet den Geruch von Kaffe und Toastbroten und das Geknittere der Tagespost in seinen Händen. In der Küche ist alles weiß und grau. Der Boden ist grau. PVC mit winzigen grünlichen Schlieren darin. Der Resopaltisch ist weiß, die Küchenmöbel auch – außer da wo mal das Fett Feuer gefangen hatte und drei Fließen und ein stück der Arbeitsplatte gelb geworden waren.
Elvira sitzt zitternd am Tisch, vor sich einen Teller mit grünem Bauernhof-szenen am Rand – von Oma. Auf dem Teller liegt ein stück Brot mit Butter und Honig.
»Iß«, sagt Barbara und zieht an ihrer Zigarette. Sie ist schlecht gelaunt denn sie hat schlecht geschlafen. Wenn Mami schlecht geschlafen hat geht es ihr den ganzen Tag nicht gut. Sie hat dann Migäne sagt sie. Das sind schlimme Kopfschmerzen.
Elvira hat keinen Hunger. Sie hat keine Kopfschmerzen vom schlechten Schla-fen. Ihr ist kalt.
»Du mußt zur Schule und hast noch nichts gegessen. Herrgott Hartmut jetzt sag halt auch mal was.«
Papi ließt die Zeitung. Er schläft immer tief. Auf dem Sofa vorm Fernseher schnarcht er dann und Mami lackiert sich die Zehennägel und guckt sich die Shows an. Ob er nachts weiter zu ihr kommen würde wenn er vom Bösen Wolf wüsste?

Abends, bevor Papi schläft und Mami auf dem Sofa raucht und kleine Brand-flecken hinterläßt darf Elvira Fernsehen. Es ist 18:02 und jetzt kommen die Serien. Sie sitzt auf dem rot-braunen Teppichboden und hat den Malblock vor ihren Knien. Die stifte sind alle ordentlich in dem Holzkästchen das ihr Opa geschenkt hat. Sie darf die Stifte nicht rumliegen lassen. Papi ist vergangene Weihnachten auf einem Stift ausgerutscht und hat sich am Fuß weh getan. Er hat fürchterlich geschrien und Mami vorgeworfen das sie Elvira nicht zur Ordnung erzogen hätte. Mami hat Elvira eine Ohrfeige gegeben. Später gab es dann gefüllte Ente. Opa hat die Ente mitgebracht.
Im Fernsehen sind die Cowboys grau. Tom und Cherry sind nicht grau. Elviras Bilder auch nicht. Sie hat alle Farben die es gibt. Opa hat ihr alle ge-schenkt. Wärend das alte Auto im Abspann der Cowboyserie in die Bretterhüt-te raßt und der komische mit mit dem Schnurrbart und dem Hut direkt in die Kamara blickt und die Augen verdreht rinnen Elvira Tränen über die runden Backen.
In der Küche streiten sich Papi und Mami. Ob der Gasinstallateur endlich da war? Nein. Warum sie nicht noch einmal angerufen hätte? Warum man sich in diesem scheiß Haushalt immer um jeden vefickten Scheiß selber kümmern müs-se? Warum er die Schlampe nur geheiratet hätte. Er sei doch selber schuld das er nichtmal die Leitungen selber instand halten könnte, faul und fett wie er war.

Im Zimmer ist es immer dunkel denn der Rolladen ist zu und sie darf kein Licht mehr brennen lassen. In der alten Wohnung hatte sie den Rolladen nicht ganz zumachen müssen. Aber dann ist mal nachts eine fremde Katze ins Schlafzimmer der Eltern gekommen. Sie hat sich auf das Bett gelegt und schließlich mitten drauf ihr Geschäft gemacht. Mami hat geschrien und eine Flasche nach der Katze geworfen. Sie hat geheult und geflucht und als Papi nach Hause gekommen war hatten sie beide so schlimm gestritten wie nie zu-vor. Danach wurden nachts immer alle Rolläden zu gemacht. Ganz zu. Damit kein Tier in die Wohnung kommen konnte!
Elvira zittert unter ihrer Decke. Sie kann nichts sehen außer der Schwärze die wie in jeder Nacht durch ihre Augen in ihren Kopf eindringt. Schließen kann sie aber die Augen auch nicht denn dann kann sie ja nicht den Licht-spalt sehen der entsteht wenn Papi die Tür öffnet. Er öffnet die Tür immer nachdem er die Toilettentür laut auf und ganz leise wieder zugemacht hat. Elviras Zimmertür macht er leise auf und wieder zu. Ganz sacht. Sicher will er Mami nicht stören. Sie liegt da und starrt durch das Universum aus Dun-kelheit in die Richtung in der sie die Tür vermutet. Sie weiß das die Tür dort ist aber kann sie sich sicher sein? Sie kann sie nicht sehen. Dann entsteht der winzige Lichtspalt und unterbricht sie in ihren Gedanken. Fast ist sie froh denn darüber nachzudenken ob sie in der Unendlichkeit verloren gegangen war konnte genauso schlimm sein wie der Schmerz wenn Papi zu ihr kam. Ob er kam oder ob er nicht kam war oft kein echter Unterschied mehr im Reigen ihrer Ängste.

Am Mittwoch ist Elvira mit Mami auf der Messe. Mami will Geisterbahn fahren denn sowas macht man mit seiner Tochter. Elvira weint.
»Jetzt reiß dich doch mal zusammen Herrgott«, schreit Mami mit ihr herum und zerrt sie am Ärmel ihrer Jacke. Im Gedränge sieht Elvira einen Jungen Mann der stehen bleibt und zu ihnen herüber blickt. Er trägt einen grauen Schal und eine Brille und hat einen komischen Hut auf dem Kopf wie ihn die Franzosen immer tragen. Er guckt verwirrt und legt dann den Kopf schief. Dann guckt Mami zu ihm rüber und ruft ihm zu er solle sich um seinen eige-nen Scheiß kümmern. Elvira weint nicht mehr aber sie will auch nicht Gei-sterbahn fahren. Dafür bekommt sie eben auch keine Hariboschlange. Mami will jetzt eine Bratwurst essen. Elvira bekommt auch eine. Sie hat keinen Hunger aber sie ißt.

Bevor etwas passiert ist die Angst immer am allerschlimmsten. Ein plät-schern aus dem Aquarium ist dann fast eine Erlösung. Elvira stößt ein win-ziges Wimmern aus. Schon hatte sie versucht sich einzureden das sie den Besuch des Bösen Wolfs nur geträumt hatte doch da kommt auch schon die lei-se flüsternde Stimme:
»Du weinst immer noch kleines Menschenmädchen.«
Stille und dann das ihr Ausatmen als sie es nicht länger aushält die Luft anzuhalten.
»Du hast doch keinem gesagt das ich hier bei dir war oder?«
Das Rascheln ihrer Haare auf dem Kissen deutet ihr Kopfschütteln an.
»Du weißt das ich dich sonst fürchterlich strafen werde nicht war? Du weißt das ich deine Mami und deinen Papi fressen werde wenn du jemandem von mir erzählst?«
»Bitte nicht«, und mit diesen Worten bricht sie in ein bitteres stummes Weinen aus.
Leise, ganz leise und sacht klettert da die massige Gestalt des Bösen Wolfs auf ihr Bett das einmal das Bett ihrer Oma gewesen war. Ganz dicht bei ih-rem Gesicht kann sie seinen warmen Atem und die Ausdünstungen seines Leibes riechen: Erde auf dem Grab ihrer Oma und nasses Laub im Herbst und dann war da der Geruch von gerade entzündeten Streichhölzern.
Er rollt sich eng zusammen und Elvira fühlt wie er einen Krater neben ihr bildet in den sie ganz langsam hinuntergezogen zu werden droht. Ihr linkes Bein kommt an seinem Rückrad zum liegen. Selbst durch die dicke Decke kann sie sein borstiges Fell fühlen. Er ist warm wie ein Hund. Sie hat Angst vor Hunden denn ein Hund hat Mami als Kind mal ins Bein gebissen. Stumm weint sie und durchnäßt so den Rand ihrer Bettdecke wie so oft.

Bei Opa ist es am schönsten. Er ist Mamis Papa. Opa hat Heute Geburtstag. Nach der Begrüßung sitzen die Großen in der ›Weinstube‹ und reden oder spielen Karten. Mami ist hier ganz anders als Daheim. Sie lacht nicht so laut und guckt immer ganz nervös wenn sie an ihrer Zigarette zieht. Papi auch. Er ist Opas Kumpel.
Elvira sitzt im Wohnzimmer und malt. Sie braucht hier ihren Block nicht mitzubringen denn Opa hat immer Papier für sie. Sie hockt auf dem flauschi-gen Teppich und malt das Haus mit dem Fenster. Hier riecht es alt und stau-big aber sie fühlt sich hier wohl. Sie liebt dieses Haus, sie liebt Opa und sie vermisst Oma ganz schrecklich. Sie ist an Krebs gestorben! Elvira hat Angst vor Krebsen! Mami macht zum Glück nie welche denn sie hasst Essen aus dem Meer.
Später ist das Zimmer der Erwachsenen vom Qualm Opas Zigarren ganz in Nebel gehüllt und alle lachen heiter. Dann kommen sie heraus und Elvira schiebt die Bilder unter das Sofa. Da unten liegen viele Bilder. Nie wird sie ge-fragt warum sie nichts gemalt hat. Oma hätte gefragt.
Ob es ihm auch wirklich nichts ausmacht? Nein für ihn ist es eine Freude. Er wird Geschichten erzählen. Elviras Herz macht einen kleinen Freuden-sprung. Mami und Papi gehen aus. Sie darf hier schlafen!
Mit untergeschlagenen Beinen sitzt sie neben Opa und sieht mit ihm einen alten ...


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