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Roman: Abriß

Blum
Abriß
Februar 2003

Am Mittwoch kommt die neue. Hat der Hausmeister gesagt. Ich rede nicht mit ihm, aber er hat es mir am Brief-kasten gesagt, als ich Montag die Mülltonne reingeschoben hab. Er hat wie immer gemotzt, weil ich sie nicht morgens rein habe, sondern erst abends. Wie immer. Es ist Mittwoch. Von meinem Zimmerfenster kann ich die Straße sehen. Heute Morgen hab ich geguckt und mittags auch. Kein Umzugswagen, keine Leute, Helfer oder so was. Vor einer Stunde ist sie dann angekommen. Sie hatte nur eine braune große Ledertasche dabei. So eine wie sie in alten Filmen manchmal Ärzte haben. Es hatte angefangen zu regnen, grade als sie die Straße hochkam. Einen Schirm hatte sie nicht. Ich würde schätzen, sie ist mindestens sechzig. Ihre Haare sind grau und strähnig und hängen vom Regen naß an ihr herunter. Klapperdürr ist die Alte. In dem grauen Kleid und den komischen, abgetretenen Halbschuhen, die mich irgendwie an meine Punk-Zeit erinnern, sah sie total dämonisch aus, als sie vorhin die Treppe hoch schlich und an meinem Türspion vorbei kam. Wo sie wohl ihre Möbel hat? Das Zimmer oben ist nicht möbliert. Ich weiß es, weil ich zugesehen hab, wie sie das ganze Zeug vom Anzinger rausge-schleppt haben, nachdem das damals passiert war. Vielleicht hat sie eine Umzugsfirma beauftragt, die ihr Zeug schon letzte Woche hergebracht hat. Vielleicht morgens, wenn ich auf Arbeit war, oder spät abends. Die kann ja schlecht auf dem Boden schlafen mit ihren alten Knochen.
Ich setze mich auf meine Couch und mach die Musik an. Doors. Während ich zum millionsten mal die Vier Reiter über die Welt hereinbrechen höre, versinke ich in meinen Gedanken. Ein Bier wäre gut, aber ich kann nicht aufstehen. Die Gedanken wirbeln in meinem Kopf. Tausend Dinge, all die tausend Dinge. Hol ich mir noch einen Film? Jürgen hat vor kurzem diesen neuen Film mit dem Horrorschauspieler – wie hieß er noch gleich? – gesehen. So ein ganz neues Ding, das nicht im Kino lief, weil es wohl zu schlimm war. Ab achtzehn und garantiert echt extrem. Bestimmt ausgeliehen. Ist immer so. In den ersten Wochen sind die Filme ausgelie-hen. Ich komme hin und in den Hüllen gibt es kein Kärtchen mehr. Zum reservieren habe ich keinen Bock. Ich rede nicht gern mit der Frau an der Kasse. Die ist so eine echt bescheuerte Spießerin, die immer guckt, was man sich ausleiht, und wenn dann mal eine Frau auf dem Cover des Films ist rümpft sie die Nase. Ich kann förmlich hören, wie sie ›kleiner Wichser‹ denkt.
Ich stehe auf und hol mir doch ein Bier.
Das Telefon klingelt, und ich zucke erschrocken zusammen. Meyer? Hab ich wieder was auf Arbeit vergessen? Mit einem schnellen besorgten Blick auf die Uhr stelle ich fest, daß es kaum einer von der Arbeit sein kann. Gott sei dank. Dann geht der AB rann. Es ist Moni. Sie will wissen, ob ich da bin. Würde ich nicht an das ver-dammte Telefon gehen, wenn ich da wäre? Seit letztem Donnerstag habe ich sie nicht mehr gesehen. Wir haben es nur zweimal gemacht. Einmal im Auto ihres Bruders – meins ist zu klein – und einmal hier auf meinem Sofa. Sie hat gemotzt, weil ne Pizzaschachtel drauf lag. Dann wollte sie bei mir einziehen. Ich erinnere mich genau an den Tag. Ich hab brasilianischen Metal gehört und was mit ihr geraucht, und beinahe hätten wir es nochmal gemacht, als sie sagte, sie wolle daß ich ihr ein Kind der Liebe mache. Später hat sie zuerst gesagt, das wäre nur scheiß gewesen, aber dann hat sie mich angerufen und erzählt, ihr Arzt hätte eine Schwangerschaft festgestellt. Ich habe nur noch Freitag Abend Zeit. Da muß sie im Studio arbeiten. Pech.
Müde mache ich einen Strich auf den Block neben dem Telefon. Es sind jetzt achtzehn. So oft hat sie angerufen. Es tut ihr leid. Sie sei gar nicht schwanger. Blöder Spruch.
Freitags geht Jürgen immer in sein Stammkino. Seit zwei Wochen geh ich mit ihm.
Es ist Montag. Meine Schicht fängt um 3:00 Uhr an und endet um 10:00. Ich habe mich daran gewöhnt. Mor-gens gehe ich nach der Arbeit immer zum Bäcker in der Hauptstraße, denn hier fährt der Bus ab, den ich nach Hause nehme. Die Verkäuferin kennt mich schon. Am Anfang hab ich gelächelt und sie war freundlich, aber ich glaube, sie kann mich nicht leiden, und darum lächle ich auch nicht mehr. Sie ist so alt wie ich. Ich weiß es, weil ich mal einen Brief an sie geöffnet habe, der mir durch Zufall in die Finger gekommen war. Krankenversiche-rung – sie wollten wissen ob sie mit der jährlichen Beitragserhöhung einverstanden sei, die automatisch anfällt und gegen die man keinen Einspruch erheben kann. Ihren Namen weiß ich von dem hellrosa Schildchen auf ihrer linken Brust. Die würde ich gerne anfassen.
Mit dem Bus fahre ich nur zur Arbeit und wieder zurück. Sonst nehme ich mein Auto. Es ist nicht, weil es mir etwas ausmachen würde, daß die auf der Arbeit sehen könnten, daß mein Auto alt und klein ist. Es ist nur weil … Egal, ich fahre gerne im Bus. Als ich jünger war, fuhr ich nur Bus. Ich saß mit meinen weiten Hosen und den grünen Haaren auf einem der Plätze und hatte mein Board auf dem Schoß. Wenn eine Oma kam und mich an-guckte, um mich zum aufstehen zu bewegen, zog ich mein Kaugummi aus dem Mund und klebte es mir auf die Stirn. Heute laß ich sie sitzen.
Im Flur stinkt es, als ob der scheiß Köter vom Anzinger jetzt doch noch abgekratzt wäre und man ihn unter die Treppe zum ausdünsten gelegt hätte. Ich stehe an der Treppe und beuge mich runter um nachzusehen. Es stinkt pervers. Natürlich ist da kein Hund. Da liegt eine Leiche. Ein bis zur Unkenntlichkeit verbranntes Mädchen greift mit verstümmelten Fingern, die mich an gestorbene Spinnen erinnern, nach dem Holz der Treppenstufen, als versuche sie, die Treppe davon abzuhalten, sich auf ihren Körper herabfallen zu lassen. Überall ist Blut. Es stinkt nach Menschenfleisch …
Es ist eine Ratte. Am Kellereingang liegt eine Ratte. Durchgebissenes Genick. Die Katze vom Mieter unter mir. Ich kann mir seinen Namen nicht merken. Er ist Jugoslawe oder sowas. Nie im Leben hätte ich gedacht, daß eine Ratte so derart pervers riechen könnte.
Oben quietscht eine Tür. Über meiner Wohnung. Ich gucke zwischen dem Geländer der Treppe hoch, aber es ist nichts zu sehen. Also gehe ich hoch und schließe meine Tür auf. Drinnen stinkt es auch. Heute muß ich aufräu-men. Die Bierdosen und die Aschenbecher müssen weg, und in der Küche muß auch mal Ordnung geschafft werden. Aber erst eß ich was, und dabei guck ich mir die Wiederholung von Star Trek im Fernsehen an, die ich heute Nacht aufgenommen habe. Ich langweile mich.
Es duftet nach Parfum und ich weiß, daß ich den Geruch kenne. Jasmin vielleicht. Es ist Dienstag, und ich sitze im Bus auf dem Heimweg. Nachher muß ich zum Zahnarzt – das ist ätzend. Ich hasse den Zahnarzt. Ich meine nicht den Arzt selbst, sondern den Vorgang Zahnarztgehen. Du kommst da hin und hast einen Termin, und dann hocken da achtzehn Omas oder komische Frauen mit kleinen Mädchen, deren Spangen gerade versuchen auszu-brechen, um eine neue Weltordnung der geometrischen Weisheit zu errichten, und du wartest und wartest. Zu-hause könntest du lesen oder dir einen Video reinziehen. Dann greifst du zu den Lesezirkelheften mit den weiß-roten Umschlägen. Klein oben rechts ist Neue Revue aufgedruckt. Immer wieder wunderst du dich, daß sie sowas hier rumliegen haben. ›Susi ist 21 und mag starke Typen …‹ Die Titten von der Kleinen machen aus dem Zahnarztbesuch so eine Art kleines Sado-Maso-Erlebnis. Du wartest und du hast Angst. Wird es weh tun? Es tut immer weh. Wird er dir was schlimmes sagen? Nun, so wie es aussieht, werden wir den Weisheitszahn dann doch ziehen müssen, und die Röntgenaufnahme läßt vermuten, daß wir ohne OP nicht durchkommen werden. Sowas oder so etwas ähnliches ist es immer.
Der Bus schlingert hin und her, und die ältere Dame links neben mir rempelt mich mit dem Ellbogen an. Zuerst rieche ich diesen blumigen Duft, aber dann entschuldigt sie sich lächelnd und ihrer verdorrten faltigen Kehle entfährt ein säuerlicher Geruch, der mich an vermoderte Gräber denken läßt.
Zuhause geh ich in die Wanne. Ich habe auch eine Dusche – meine Wohnung ist die Luxusvariante – aber ich dusche nicht gerne. Kalk. Überall ist Kalk. Im Fernsehen zeigen sie, wie man´s macht. Superblank und keimfrei. Mit einem Wisch und so. Ich habe es versucht. Soll keiner sagen, ich hätte mir keine Mühe gegeben. Meine Mutter konnte es.
Während das Wasser Schaum aufschlägt, der den rostbraunen Fleck auf dem Emaille im Zentrum der Wanne zu bedecken beginnt, gehe ich in die Küche und hole mir eine Bierdose und mache Musik an. Eine der alten Kiss-Scheiben. Jürgen hat sie mir auf CD gebrannt. Im Kühlschrank gibt es noch ein Stück Pizza.
Mit dem ganzen Kram zurück im Bad stelle ich fest, daß es angenehmer und irgendwie charmanter zu mir selbst gewesen wäre, zuerst auf die Toilette zu gehen und dann das Essen holen. Während ich auf dem Klo sitze, äuge ich zur Pizza rüber und denke über Bakterien nach. Das Papier ist leer …
Das Wasser ist heiß. Nach der Arbeit mag ich das. Ich muß sie von mir waschen. Nicht meinen Schweiß oder den Dreck aus dem Lager, den Staub von hunderttausend Toten, der sich zwischen den Kartons und den Metall-regalen ansammelt; sondern die Arbeit und die scheiß Leute dort. Ich tauche durch die dicke Schaumschicht und spüre sie, als sei ich ein großer Penis, der in die endlos lustspendende Feuchtigkeit eindringt. Dabei wasch ich Meyer und Peter Brandt von mir ab. Am Anfang hatte ich Peter als nett empfunden, aber ich hab einmal mitbe-kommen, wie er eine aus der Bürozentrale auf unserem Klo genagelt hat, und seitdem finde ich ihn einfach nur noch arrogant. Außerdem stinkt es mir, daß er denkt, er könnte mir sagen, wie ich zu arbeiten hätte. Arschloch.
An der Decke ist ein dunkler Fleck. Ich lasse gerade das kühle Bier in meine trockene Kehle fließen und spüre, wie es sich weiter unten mit meinem vom Wasser heißen Körper verbindet und eine kleine elementare Explosi-on hervorruft, als ich ihn entdecke. Er ist etwa so groß wie meine Wanne und sieht bedrohlich aus. Genau über meiner Wanne steht die Wanne vom Anzinger. Wenn der seine Wanne hätte überlaufen lasse, wäre genau da ein Fleck entstanden, wo sich jetzt einer befindet. Aber der kann seine Wanne nicht überlaufen lassen, weil er nicht mehr da ist. Ich starre den Fleck an und mein Bad beginnt sich zu drehen. Heißes Badewasser und kühles Bier … und ein Fleck an der Decke unter der Wanne von dem, der kein Wasser mehr einlassen kann …
Sie muß das sein, geht es mir durch den Kopf. Meine Gedanken mühen sich träge durch den Sumpf, der in mei-ner Kindheit noch das Festland meines Gehirns dargestellt hatte. Knietief waten sie durch den Abfall, den die Hauptschule, meine Omas, meine Eltern ...


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