peperonity.net
Welcome, guest. You are not logged in.
Log in or join for free!
 
Stay logged in
Forgot login details?

Login
Stay logged in

For free!
Get started!

Text page


dsc - Newest pictures
n.i.c.h.t.s.peperonity.net

rot

Werte


Eine Münze! Ohne Zweifel, das da hinten, was so kurz vor dem Justitiabrunnen mitten auf dem Platz schimmerte, das war eine Münze! Unglaublich! Mitten auf diesem Platz, auf dem sich früher das Volk zu Tode prügelte, um des Kaisers milde Gaben zu erhaschen, lag jetzt, von der Sonne beschienen und doch ignoriert, eine Münze! Ein Stück Metal, das aufgrund seiner Gestalt einen Wert darstellt, der wiederum Menschen dazu veranlaßt sich so zu verhalten, dass sie in den Besitz dieses Stückes Metal gelangen,
möglichst auf eine solche Art, dass alle Beteiligten mit den Umständen des Besitzrechtswechsels zufrieden sind. Doch hier, auf diesem Platz, einem der meistbesuchten Orte weit und breit, lag, schimmernd und funkelnd, geradezu verlockend einladend, eine Münze, offenbar besitzerlos, darauf, einen ihr die gebührende Wertschätzung entgegenbringenden neuen Besitzer zu finden, um wieder im großen Wechselspiel des Wertetausches teilnehmen zu können.

Moritz L. stand auf dem Römerberg in Frankfurt am Main, zwischen dem Römer genannten Rathaus der Stadt und dem Justitiabrunnen, und betrachtete das in der Sonne glänzende Geldstück.

Einige Meter entfernt vom Objekt seiner visuellen Begierde waren die Sitzplätze der Wirtschaften, die dem Römer gegenüber angesiedelt sind. Dort saßen Menschen, die bereit waren Geld auszugeben. Sie fixierten ihre Gesprächspartner oder starrten ins Leere, aber keiner sah die Münze.

Moritz L. blieb stehen und schaute hinüber zum Historischen Museum. Aus der Flucht, die zum Mainufer und zum Eisernen Steg führte, kam eine Gruppe japanischer Touristen auf den Platz gelaufen.

Moritz L's Blick blieb auf den Touristen haften. Er hatte sie mit den Augen gefangen, wie es eine hinter hohen Grasbüscheln versteckte Raubkatze mit der erwarteten Beute tut, kurz bevor sie zum Angriff übergeht.

Moritz L. wunderte sich immer wieder, wenn er Japaner, die in einer Reisegruppe unterwegs waren, sah. Es kam ihm so vor, als wären sie alle Teil eines immer gleichen Rituals. Sie kamen auf den Platz, lauschten regungslos den Ausführungen der Reiseleitung und stellten sich dann ausnahmslos mit den gleichen Mimiken zum Erinnerungsfoto auf. Es muß da drüben, auf der anderen Seite Eurasiens, eine Art ungeschriebenes Gesetz für Urlaubserinnerungen geben, dachte er bei sich.

Im selben Augenblick blieb sein Auge wieder auf der Münze haften, die weiterhin vogelfrei auf dem Platz lag. Einer der Besucher aus Japan stand direkt neben ihr. Jetzt konnten seine Schuhsohlen und das Geldstück Erfahrungen austauschen.

Die Japaner lauschten regungslos den Ausführungen ihrer Reiseleitung. Mit ihren Blicken folgten sie den Beschreibungen über die Bedeutung des Platzes für die Deutsche Geschichte, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sie verließen den Platz wieder, ohne die Münze mitzunehmen.

Moritz L sah der Gruppe nach, und während seine Augen noch auf den abwandernden Besuchern aus Fernost hafteten, wanderten seine Gedanken zurück zu dieser Münze. Er hätte einfach hingehen, sich bücken, die Münze aufnehmen und weitergehen können. Dann wäre er der neue Münzwertrechteverwerter dieses Geldstückes geworden. Ja.
Aber das war einerseits zu einfach und andererseits zu schwierig, als das Moritz L. es solcherart hätte geschehen lassen wollen.

Was, so fragte er sich, wäre denn, wenn er die Münze aufhöbe, und, kaum dass er dafür ein Eis oder einen Cappuccino erstanden hätte, kämen Gewissensbisse dem ihm völlig unbekannten vorherigen Münzwerteintauschberechtigten gegenüberzum Vorschein?! Der Genuß, den er sich vom Eintauschen des Geldes gegen ein Produkt mit Delikatesse verspräche, wäre dahin.

Desweiteren beraubte er sich somit der
Chance, die Geschichte der Münze aus der Distanz zu beobachten. Nein, war er überzeugt, er wolle die Münze beobachten und ihr Schicksal ohne sein Zutun erleben. Dabei geriet er in eine längere Überlegung darüber, ob seine Handlungsverweigerung gegenüber dem Geldstück nicht auch schon eine Handlung, ein aktives Eingreifen in den Lauf der Geschichte darstellte, weil er sich ja seiner Einstellung zur Tat oder zur Nichttat bewußt war.

Schließlich überlegte er noch, ob es ihm vielleicht nicht auch nur einfach peinlich war, sich vor all diesen anderen Menschen nach der Münze zu bücken und so den Eindruck zu vermitteln, er benötige dieses Geld, um dafür anderes zu überstehen.

Moritz L war tief in seine Überlegungen versunken, als ihn ein Fahrradfahrer, der viel zu eng an ihm vorbeifuhr, aufschreckte. In seine Empörung über das genötigte Eindringen in sein Bewußtsein mischte sich Augenblicke später sein Entsetzen über das plötzliche Verschwinden der Münze. Sie war weg und er hatte nicht bemerkt, wer jetzt ihre Geschichte weiterschrieb.

Moritz L war entsetzt und traurig. Er löste sich von seinem Standort und verließ den Platz. Er ging auf den Eisernen Steg, wo er, einem
Akkordeonspieler lauschend, die Enten und Schwäne betrachtete, die ihre Runden im Fluß zogen. Ein Klimpern drang in sein Bewußtsein. Neben ihm lag eine Münze. Moritz L. schaute sich um. Es war niemand in der Nähe. Niemand, außer dem Musikanten, der ihn anlächelte...


This page:




Help/FAQ | Terms | Imprint
Home People Pictures Videos Sites Blogs Chat
Top
.