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schwarz

Ein Herr beginnt einen Tag

Oh, Jesus, das kann doch jetzt nicht sein! Mitten in die tiefschwarze Stille einer traumlosen Nacht hinein reißt der Radiowecker Horst aus dem Schlaf. Noch benommen läßt er seine Augen zusammengekniffen, greift nach dem elektrischen Apparat, bringt ihn zum Schweigen und läßt sich mit einem gedachten Seufzen wieder schwer in sein Kissen fallen. Nun heißt es Acht geben...

Horst hat lange daran gearbeitet, die richtige Schwere herauszufinden, eine Schwere, die ihm erlaubt nach dem harten Eingriff des Weckers in seine persönliche Befindlichkeit doch noch auf angenehme - oder zumindest nicht unerträglich unangenehme - Weise in den Alltag eines wachen Menschen zu finden, ohne sich dabei wieder im Schlaf zu verlieren...

Horst knickte also sein Kissen zweimal um, spürte mit der Stelle, wo sein Genick und sein Schädel sich trafen, nach, ob er denn angenehm einerseits, spürend und somit wachend andererseits läge, fand, dass ihm die Vereinigung beider Zustände ausreichend geglückt sei, und dann lauschte er in die Stille seines Zimmers und die Tätigkeit seines Körpers hinein...

Zunachst einmal war da nichts, was er im Haus hörte... Kein Geräusch wies darauf hin, dass es mehr als ihn, Horst, gab... Dann betrachtete er in der Finsternis schweigend und reglos das, was er als sein Wesen ansah, einfach deshalb, weil er nur hatte, was an ihm dran war...

Seine Blase, es war immer und immer wieder dasselbe, seine Blase war gefüllt, soweit jedenfalls, dass er den Drang verspürte, aufzustehen und ins Bad zu gehen... Doch so weit wollte er es noch nicht kommen lassen! Was war das nur für ein lästiges Körperteil, welches in so impertinenter Weise auf sich aufmerksam machte, als gäbe es im Leben nur diesen einen Zweck, nämlich das allzeitige Wohlbefinden dieses kleinen Werkzeugs im gesamten Apparat, der Horst doch war. Nein, er würde jetzt erst einmal weiterspüren, das nahm sich Horst fest vor, dabei nicht bedenkend, dass auch das ausdrückliche ignorieren eines Körperteils bedeutet, diesem Aufmerksamkeit zu schenken...

Horst versuchtte sich also abzulenken, er wollte irgendwie heraus aus diesem Drängen, dieser Pein, die ihm sein Bewußtsein in den Vordergrund stellte, indem es diese vermaledeite Blase so auftrumpfen ließ... Er sehnte sich nach dem Nichts, jenem wunderbaren Zustand, indem nichts eine Bedeutung besaß, weil er einfach nur so daliegen könnte und nicht einmal bemerkte, wie die Zeit verging... Er konzentrierte sich auf die Zwischenräume seiner Wahrnehmung, die schwarzen Stellen, und beinahe hätte er eine solche geknackt, wenn ihm nicht kurz vor dem Hinabgleiten in die Schwerelosigkeit eine Gedankenblase geplatzt wäre, die ihm mitteilte, dass er sich ja konzentrierte... Auch, wenn er sich auf nichts zu konzentrieren trachtete, so konzentrierte er sich doch noch immer, und zumindest das Konzentrieren war ja etwas und nicht Nichts... Es war ein Jammer!

Horst spürte plötzlich seine Blase wieder... Er versuchte, sie zu überlisten, indem er ein paar Darmwinde entließ, was tatsächlich zu einer deutlichen Verbesserung seiner Not beitrug... Er atmete die Gase ein und fragte sich, warum es so einfach war, seine eigenen Duftmarken zu ertragen, die Wahrnehmung fremder solcher jedoch so widerlich daherkam... Es mußte wohl so sein, dass jede Kreatur eine eigene Mischung produzierte, irgendetwas beimengte, was die eigene Flavulation - Horst war sich nicht sicher, ob dies das richtige Wort war, aber er mochte es und beschloß also, es weiterzudenken - so erträglich scheinen ließ, dass sie etwas wie Heimatgefühle auszulösen in der Lage war. Ob etwa Zwillinge die gegenseitigen Winde unterscheiden konnten? Gäbe es dabei einen Unterschied zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen?

Langsam verzog sich der Duft in den Raum und Horst versuchte ein Augenlid zu öffnen... Alles um ihn herum wirkte irgendwie verschwommen, aber er erkannte die Umrisse der Decke, die lindgrüne Tapete, die er sich in einem Anfall von Liebeswahn von einer Frau, die es für beinahe zwei Jahre mit ihm ausgehalten hatte, hat aufdrängen lassen, und die - die Tapete - jetzt schon seit über sieben Jahren an seinen schwachen Nerven sägte, wann immer er sie sah. In Horst keimte langsam eine Erkenntnis zur Reife heran, die ihm mitteilte, dass diese Tapete einer der Gründe sei, der es ihm so schwer machte, einen Tag zu beginnen.

Als er sich gerade mitten in diesem Durcheinander aus Sehnsucht und Erkenntnis befand, durchzuckte ein Schmerz knapp oberhalb links der Gürtellinie seinen Körper, der Horst veranlaßte, nun endlich die Bettdecke von sich zu werfen, seine Beine aus dem Bett zu schwingen und sich endlich auf wackligen Füßen in das Bad zu begeben. Auf dem Weg dorthin dachte Horst, dass sein Schlafzimmer zu schmal wäre, wenn er denn einmal einen Rollator bräuchte. Er wollte sich das merken, damit er etwas zum Nachdenken hatte, wenn ihm mal wieder danach wäre.

Horst erreichte das Bad, klappte den Klodeckel hoch, setzte und entleerte sich. Sein Tag hatte begonnen.


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