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Welsstory


Vor einigen Jahren machte ein riesiger Waller aus dem Bodensee in vielen süddeutschen Zeitungen Schlagzeilen. Erstmals gelangten authentische UW-Aufnahmen des mächtigsten und größten Süßwasser-Raubfisches Europas an die Öffentlichkeit. Und allen Experten war wieder einmal bewusst, wie wenig man bisher über dieses unheimliche Lebewesen in Erfahrung gebracht hatte. Denn wo der Waller wohnt, können ihm die Menschen nicht folgen. Herbert Frei über schwimmende Giganten in heimischen Gewässern.

Seine Lebensweise ist so düster wie seine Umgebung. Dunkelheit und Schlamm, trübes Wasser und versunkene Bäume, mörderische Kälte und gefährliche Tiefen – die Welt des Wallers ist geheimnisvoll und rätselhaft. Sagenumwoben haust er zwischen Wurzelwerk, in Höhlen und im Schilf. Der Mythos, der diesen Fisch umgibt, lässt Geschichten, Märchen und Legenden ranken. Oftmals vermischen sich Dichtung und Wahrheit zu einem dichten Netz, in dessen Maschen sich die Fabeln wie Schwarmfische verfangen.
Silurus glanis, Wels oder Waller genannt, lebt zurückgezogen und verborgen. Gute Freiland-Aufnahmen von ihm sind so selten wie eine Sonnenfinsternis, denn der riesige Fisch ist überwiegend nachtaktiv, zieht sich deshalb am Tage in einen Schlupfwinkel zurück, nimmt häufig die Farbe des Untergrundes an, ist dann graubraun marmoriert, dunkelgrün gefleckt oder fast schwarz. Getarnt wie ein Guerillakämpfer vor seinem Einsatz. Wie soll man ihn unter diesen Umständen finden?
Oft liegen Waller aber auch an ungeschützten Stellen, wo sie kein Mensch vermuten würde. Dieses atypische Verhalten findet man aber nur in großen Seen. Vieles am Waller ist unbekannt, denn Verhaltensforscher, Fotografen und Biologen haben es schwer, dem gewaltigen Fleischberg bei seinen Wanderungen durch die Unterwasserwelt auf der Spur zu bleiben.  

Unersättlicher Rachen

Von allen Süßwasserfischen besitzt der Wels das mit Abstand größte und breiteste Maul. In diesem Todesschlund verschwindet die Beute als hätte es sie nie gegeben. Wenn der Süßwasserkoloss in Fahrt gerät, gibt es für alle Lebewesen im See nur noch eins: Rette sich wer kann! Hechte, Karpfen, Aale, Krebse, Molche, keiner wird verschont. Wasservögel, Ratten, Wollhandkrabben, Schlangen, badende Hunde – nichts ist vor ihm sicher. Auch Kleinkinder soll er schon verschlungen haben. Bei Preßburg tauchten vor den Augen entsetzter Fischer beim Ausnehmen des Mageninhalts eines gigantischen Welses die Reste eines Knaben aus dem Innern auf.
Diese und ähnliche Geschichten nährten vielfach den Boden für Aberglauben und Furcht vor diesem Riesenfisch. Ein potentieller Menschenfresser ist der Wels trotz seiner Größe und seines Gewichtes nicht. Und es kann weiterhin ohne Angst in allen Seen und Flüssen gebadet und getaucht werden. Vermutlich stammen die in Welsmägen gefundenen Menschenteile alle von Ertrunkenen, die von den Wallern, deren Vorliebe für Aas bekannt ist, nach und nach verschlungen wurden. Daß hungrige Riesenwaller sich gelegentlich eine Ente, ein Bleßhuhn, einen Jungschwan oder eine halbwüchsige Gans von der Oberfläche holen, ist belegt. Entgegen aller Lehrbuchmeinungen sogar vorzugsweise am helllichten Tage. Auch kleine Hunde kann es treffen. Beim Apportieren von Holzstücken aus dem See ist schon mancher spurlos verschwunden. Kein Anglerlatein, sondern beklemmende Tatsache. Einen Wasserschwall und vielleicht ein kurzes Jaulen, mehr haben Beobachter nicht gesehen und gehört.
Lässt man Welse in Ruhe alt werden, entwickeln sich nach biologischen Hochrechnungen über 100-jährige Exemplare von 3 m Länge und 300 kg Lebendgewicht. Ein wahrhaft königlicher Fisch. Solche Giganten sind jedoch bei der heutigen systematischen Befischung wohl kaum mehr anzutreffen. Gefangen wurde mit diesen Maßen jedenfalls seit Jahrzehnten keiner mehr. Es könnte sie aber durchaus geben, wie Experten vermuten. Denn alte Fische lassen sich nur schwer zu einem Biss überlisten und noch schwerer zu fangen, wie Sportfischer bestätigen können. Ob Waller mit den Jahren schlauer werden?
Deutschlands Rekordwaller der Neuzeit wurde 1998 von Mario Caruso im Rhein bei Großrohrheim in der Nähe des Kraftwerkes Biblis gefangen. Er maß 2,37 m und wog 85 Kg. Der ehemalige Amateurboxer, 185 m groß und in zahlreichen Kämpfen erfolgreich, war am Ende seiner Kräfte, als er den ´Riesen vom Rhein´ landete. Überlistet wurde der Gigant durch ein Stück Aal, nachweislich die Leibspeise großer Welse und deshalb einer der fängigsten Köder für diese Fischart.
In den Kärntner Seen, im Bodensee und in der Donau werden Welse mit ähnlichen Maßen vermutet, eventuell noch größer und schwerer. Ein 1946 gelandeter Riese aus dem Wörthersee war 2,3 m lang, wog aber eigenartigerweise nur 65 Kg. Österreichs Superwaller wurde laut historischer Unterlagen 1616 in der Drau bei Hollenburg überwältigt. Länge 2,5 m und 76 Kg schwer. In den Erbhuldigungen aus dem Jahre 1666 findet sich noch eine Eintragung über einen 2,4 m langen Waller, dessen Gewicht aber nicht eindeutig verbürgt ist. Kolossale Exemplare soll es in den Donauauen bei Wien geben. Gesichtet wurden Einzelexemplare mit gigantischen Körpermaßen, größer als die Taucher.
Unter Wallerexperten gilt insbesondere Norditalien als Hochburg der Giganten. Am 8. April 2002 ging der Österreicherin Edeltraud Pfeiffermann in einem Nebenarm des italienischen Fluß Po ein Waller mit 238 cm und 113 Kg an den Haken. Der gierige Fisch verschluckte einen ausgelegten Aal. Das Fischmonster geht in die Geschichte ein als einer der größten, jemals mit der Angel gefangenen Welses. Und definitiv als der gewaltigste Wels, der je von einer Frau gefangen wurde. Solche Fische werden von verantwortungsbewussten Petrijüngern aber nicht getötet. Auch Sportfischerin Pfeiffermann entließ den riesigen Fisch nach einigen Erinnerungsfotos wieder in die Freiheit.       
Erstaunlicherweise sind die meisten gefangenen Riesenwaller gemessen an ihrer Größe recht schlank. Nur wenn sie sehr alt sind und sich das Längenwachstum verlangsamt, nimmt die Körperfülle entsprechend zu. Über 100 Kg wiegt ein Waller nur, wenn das Wasser warm und das Nahrungsangebot groß ist und er außerdem ein Alter von 50 Jahren deutlich überschritten hat.
Als größter und schwerster Riesenwels aller Zeiten gilt ein mit Netzen 1761 in der Oder gefangener Koloß. Der gewaltige Fisch wog ohne Eingeweide 375 Kg.       





Geisterwesen

In stehenden Gewässern ruhen Welse anders als in Flüssen am Tage häufig in Ufernähe auf weiten, ungeschützten Sand- bzw. Schlammflächen. Manchmal kaum 4-6 m tief und in regelrechten Kolonien nur unweit der großen Strandbäder, stumm und starr wie Baumstämme. Kein Mensch würde sie dort vermuten, schon gar nicht die Badenden. Dieses abnorme Verhalten hängt allerdings von der Uferstruktur und der Größe des Fisches ab. Begünstigt wird es durch flache Uferzonen ohne Deckungsmöglichkeit. Auch machen das normalerweise nur Waller ab etwa 1,5 m Länge, die nichts mehr zu befürchten haben. Als Taucher kann man die Schlafkuhlen gut erkennen und auch anhand ihrer Tiefe und Länge die ungefähre Größe des darin gelegenen Wallers abschätzen.
Bis zur Dämmerung liegen die Riesenfische fast unbeweglich am Grund, dann aber kommt Bewegung in die schuppenlosen, schleimigen Körper. Die abgeplatteten Köpfe heben sich aus dem Mulm und die langen Afterflossen peitschen den Untergrund. Kleine, schwarze Knopfaugen schauen munter und gierig in die Runde. Es zwickt in den Eingeweiden. Eine todbringende Armada rüstet zum Feldzug. Gegner ist der Hunger. Und der kann nur mit Unmengen von Beutefischen gestillt werden. Einer nach dem anderen verlässt seine Schlafstätte. Wie Wesen aus einer anderen Welt streben sie der schwarzen Weite zu, Schlammfontänen hinter sich herziehend. Die langen Barteln tasten nach Beute, mit den kleinen Seeorganen suchen sie ruhelos die Umgebung ab. So durchstreifen sie kilometerlang Seen und Flüsse, alles verschlingend, dessen sie habhaft werden können. Gegen Morgen kehren sie zielsicher zu ihrem Schlafplatz zurück, egal wie weit sie geschwommen sind.
Welse sind also keine Nomaden, die ziellos rauben und sich jeden Tag eine neue Unterkunft suchen. Ortstreu finden sie sich immer an denselben Stellen ein. Wo diese liegen und wie tief, weiß man nur sehr ungenau, denn Welse unter Wasser zu finden gleicht einem Glücksspiel zu dem man außerdem noch viel Erfahrung mitbringen muss.
Als sicher kann gelten, dass die meisten Waller nicht wesentlich tiefer als 30 m rauben, denn nur unweit einer dem Autor bekannten Wallerwohnsiedlung lag in 45 m Tiefe 3 Jahre lang die Leiche eines Ertrunkenen, der von der Kälte konserviert keinerlei Fraßspuren aufwies. Was die walzenförmigen Riesenfische im Freiwasser treiben, entzieht sich allen Nachforschungen. Vermutlich folgen sie aber gelegentlich den großen Reinanken - Schwärmen, um sich einige Leckerbissen zu genehmigen.
Wird das Gewässer von Schwingrasen umsäumt, erwühlen sich Welse darunter regelrechte Höhlensysteme, in denen sie den Tag verbringen. In dieser unheimlichen und lichtlosen Welt begegnet man auch den sagenumwobenen Speisekammern der Waller. In ihnen werden dichte Schwärme von Rotaugen, Lauben und Karauschen quasi als Lebendfutter gehalten. Instinktiv schaffen die gierigen Räuber beim Wühlen mit ihren gewaltigen Körpern auch Raum für schutzsuchende Friedfische, die sich zu Tausenden in der Finsternis einfinden und den Wallern als pulsierender Vorrat dienen. Wie im Schlaraffenland müssen sie sich fühlen, wenn ihnen das Fressen sozusagen von alleine ins riesige Maul schwimmt. 
Ein Mysterium bleibt, was Welse im Winter machen. Etwa ab Mitte Oktober verlassen sie ihre Schlafstätten und verschwinden im Niemandsland ihrer Gewässer. Nie gelang es einem Taucher oder UW-Fotografen diese Lebensperiode zu sehen bzw. zu fotografieren. Graben sie sich im Schlamm ein? Verstecken sie sich im Schilf? Liegen sie auf uferfernen Untiefen? Tarnen sie sich zwischen versunkenen Bäumen? Warum überhaupt verlassen sie ihre Sommer-Ruhestätten? Ein Rätsel, das noch seiner Auflösung bedarf.
Ebenfalls ungeklärt ist, wie gut oder wie schlecht der Wels sehen kann. Manche Wissenschaftler glauben, dass sein Sehvermögen schlecht sein muß, weil die Augen so klein sind und er sie ohnehin bei Nacht nicht benötigt. Andere Experten wiederum bescheinigen ihm gerade deshalb gute bis sehr gute Sehkräfte in der Dämmerung. Niemand kennt die Wahrheit. Ebenso ist unbekannt, ob der Waller Farben sehen kann oder nicht. Tatsache ist: Wenn der Waller nicht will, dass man ihn sieht, besteht keine Chance. Er registriert mit seinem empfindlichen Seitenlinienorgan die Nähe von Schwimmern, Schnorchlern und Tauchern lange bevor diese ahnen, daß unser größter Raubfisch in der Nähe liegt.

Finsterlinge

Sogenannte Monsterwelse tauchen in schöner Regelmäßigkeit alle Jahre in der Presse auf. Was an diesen Geschichten Wahrheit oder Dichtung ist, lässt sich nur schwer ...
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